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Laudatio des fachlichen Leiters und Geschäftsführers des Rat für Formgebung/German Design Council, Frankfurt, Andrej Kupetz.

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anlässlich der Verleihung des Busse Longlife Design Award am 19. Oktober 2005 um 19.00 Uhr im Designforum Nürnberg

Lieber Professor Rido Busse,
sehr geehrter Graf von Faber-Castell,
meine Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, die Laudatio zum Busse Longlife Design Award halten zu dürfen. Dieser Preis ist in seiner Ausrichtung einmalig. Er widerspricht der gängigen Annahme, Design sei modische Kosmetik und er beweist, dass gutes - d.h. richtig verstandenes - Design ein Investment in die Zukunft und damit in den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens darstellt. Der Preis ist in der an Auszeichnungen reichen Designförderung in Deutschland eine Ausnahmeerscheinung.

Der Busse Longlife Design Award wurde von busse design ulm bereits 1978 ins Leben gerufen, um solche Produkte herauszustellen, die ihren Wert und ihre Marktgültigkeit sehr lange behalten haben. Darüber hinaus soll verdeutlicht werden, dass weder Unternehmer noch Designer daran interessiert sind, eine scheinbare Nachfrage durch häufigen Modelwechsel zu generieren. Der Preis macht deutlich, dass sich innovative Ideen, die qualitativ hochwertig umgesetzt werden, langfristig auszahlen. Er will einen ganzheitlichen Umgang mit Gestaltung auszeichnen, der darauf abzielt, dass Produkte in jeder Beziehung langlebig werden.

Meine Damen und Herren, leider sind langlebige Produkte in unserer globalisierten Wirtschaft immer noch Ausnahmen. Dies hat seine Ursache darin, dass ein Grossteil unserer Industrien nach wie vor marketinggetrieben ist und eben nicht vom Willen zur Innovation bestimmt. Zwar ist betriebswirtschaftlich längst bewiesen, dass eine Entwicklung, die auf Langfristigkeit abzielt, die ökonomisch lohnendere Perspektive darstellt, doch noch setzen zu viele Unternehmen mit zu kurzem Atem auf kurzfristige Mitnahmeeffekte.

Der Busse Longlife Design Award zeigt, dass Produkte, die nicht aus der Mode kommen, deren Design schon klassisch genannt werden kann, dazu beitragen, einer "Ex-und-hopp"-Haltung entgegen zu wirken. Eine auf Langfristigkeit fokussierte Produktentwicklung berücksichtigt nicht nur das Produkt selbst, sondern betrachtet das gesamte Umfeld seiner Entstehung, Verbreitung, Nutzung und Entsorgung.

Dabei sind eine Vielzahl unterschiedlicher Aspekte zu berücksichtigen, deren jeder für sich eine besondere Bedeutung zukommt.

So wird die Langlebigkeit eines Produktes bereits von der Materialauswahl und der Produktgestaltung wesentlich mitbestimmt. Nicht nur die Haltbarkeit eines Materials ist zu berücksichtigen. Sondern ebenfalls die Haltbarkeit der visuellen Erscheinung des Produktes. Wie lässt sich ein Produkt gestalten, dass es sich nicht visuell abnutzt?

Wie kommt es eigentlich, dass manche Produkte bereits seit 50 Jahren und länger auf dem Markt sind und andere, kaum, dass sie der Öffentlichkeit präsentiert wurden, schon wieder aus den Läden verschwinden?

Gerne benutzen wir den Begriff des zeitlosen Designs, um die besondere Qualität solcher langlebigen Produkte zu kennzeichnen. Aber kann Design wirklich zeitlos sein? Ich meine: Nein.
Gutes Design entsteht immer im Kontext technologischer, sozialer, kultureller und ökonomischer Bedingungen, die sich - wie wir aus unserer eigenen Erfahrung wissen - in einem permanenten Wandlungsprozess befinden. Wenn wir vor diesem Hintergrund von zeitlosem Design sprechen, dann meinen wir in Wahrheit immer Produkte, die das Lebensgefühl und die Umstände ihrer Zeit prototypisch auf den Punkt bringen. Sie sind der beste Ausdruck und die klarste Visualisierung jener Zeit, in der sie entstanden sind. Sie sind Ikonen ihrer Zeit.

Das Zeitalter der Industrialisierung lässt sich beispielsweise kaum besser als in Thonets Kaffeehausstuhl Nr. 14 ablesen, die Wiederentdeckung des Klassizismus in der Moderne strahlt wie kein anderer Mies van der Rohes Barcelona Chair aus, und die organischen Kunststoffschalen von Ray und Charles Eames künden noch heute vom Optimismus und Zukunftsglauben der 1950er Jahre. Allen Beispielen ist gemein, dass sie ihren Benutzern ein Angebot machen, das es vorher noch nicht gab, für das es aber ein besonderes Bedürfnis gibt. Wenn wir heute auf diese Produkte blicken, mag das Bedürfnis längst nicht so mehr bestehen wie es damals als essentiell empfunden wurde. Dennoch verfügen die Entwürfe über eine Kraft, unser Interesse auch weit über ihre Zeit hinaus zu fesseln.

Nicht jedes Design wird zu einem Klassiker. Dennoch wäre es falsch, allein jene Produkte, die es zum Klassiker schaffen, als gutes Design zu bezeichnen. Gutes Design dient dem Menschen und seinen Bedürfnissen. Wenn diese sich verändern, ist es der Normalfall, dass sich auch das Design verändern muss. Ein zeitloses Design wäre ein Design ohne Bewusstsein und damit seiner Bestimmung nicht dienlich.

Was ich damit meine ist, die Aufgabe des Designs muss mit dem größtmöglichen Anspruch an Innovation angegangen werden, um die Voraussetzung für einen Klassiker zu schaffen. Ein solcher Effekt ist dann möglich, wenn das Design die professionelle Produktgestaltung von der Entwicklung bis hin zu dem gesamten Unternehmensauftritt, der Grafik- und Kommunikationsdesign mit umfasst. Ein ganzheitlicher Umgang mit dem Thema Design ist gefordert. Erst dann können wir von gutem Design sprechen.

In diesem Sinne, ist gutes Design für unsere Wirtschaft ein Faktor, der die Chancen im globalisierten Markt erhöht. Erst durch ein unverwechselbares Design und eine eindeutige Positionierung gelingt es Unternehmen, mit ihrem Angebot überhaupt wahrgenommen zu werden. Für die deutsche Wirtschaft gibt es nur eine echte Alternative zum harten Preiskampf: ein eindeutiges, unverwechselbares Markenprofil zu zeigen.

Identität zu zeigen ist der Weg zum Erfolg, denn nur durch ein sichtbares Charakteristikum kann ein Produkt erkannt und - was genauso bedeutend ist - wieder erkannt werden. Wer sich erfolgreich differenziert und im Wettbewerb die Chance auf Eindeutigkeit sieht, der liegt richtig.

Viele Unternehmen haben die wirtschaftliche Bedeutung des Designs bereits erkannt. Dennoch belegen Studien, dass hierzulande erst 15% der Unternehmen Design wirklich strategisch nutzen. Es kommt also darauf an, Design noch verstärkt als Innovationspotenzial zu erkennen und Strategien für die Umsetzung zu entwickeln. Dabei muss noch deutlicher werden, dass Design nicht allein als Kostenfaktor, sondern vor allem als Investition in die unternehmerische Zukunft zu verstehen ist. Technische Innovationen sind ohne eine attraktive Vermittlung ihrer Innovationsaspekte nicht mehr in marktfähige Produkte zu übersetzen.

Dabei setzt sich immer öfter die Erkenntnis durch, dass das Design eines Produktes nicht selten die eigentliche Innovation darstellt, in dem es die Gebrauchs- oder Erlebnisgewohnheiten der Kunden revolutionieren kann und damit neue Bedürfnisse und Märkte schafft.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen Sie mich Ihnen noch einmal die beeindruckenden Anforderungen benennen, die Produkte erfüllen müssen, um für den Busse Longlife Award in Frage zu kommen.

Die Produkte müssen

- in einer Stückzahl von jeweils 100.000 Stück verkauft oder einen Bruttoherstellerumsatz von mindestens 1 Million Euro erzielt haben.

- seit mindestens 8 Jahren auf dem Markt sein und noch immer produziert werden,

- eine sichere technische Funktion aufweisen, wirtschaftlich gefertigt werden sowie eine weitgehend selbsterklärende Ergonomie und zielgruppengerechte Produktästhetik beinhalten

und
- sie dürfen nicht älter als 50 Jahre sein

Es versteht sich von selbst, dass nur solche Produkte in Frage kommen, die in Form, Funktion und Ergonomie qualitativ hochwertig sind und deren Form in ihrer Anmutung und Konzeption über die Jahre dieselbe geblieben ist.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, in diesem Jahr haben Unternehmen der verschiedensten Branchen mit insgesamt 58 Produkte am Wettbewerb teilgenommen und sich der Jury des Busse Longlife Design Awards gestellt.

Die Jury hat zehn gleichwertige Auszeichnungen und darüber hinaus drei Preise für solche Produkte vergeben, die sich durch ihren Bekanntheitsgrad, Wiedererkennungseffekt und Gebrauchsnutzen sowie ihre hohe Designqualität und einfache Handhabung von den anderen Einsendungen in besonderem Maße abhoben. Ich gratuliere allen ausgezeichneten Firmen ausdrücklich und wünsche ihnen mit ihren Produkten und zukünftigen Entwicklungen weiterhin wirtschaftlichen Erfolg.

Vielen Dank.


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